DAS GESCHENK

 

 

 Eine berührende Geschichte von Dagmar Cechak, März 2006

 

 

Aglaia lächelt. Der freundliche Mann mit dem weißen Bart hat ihre Wange gestreichelt. Nett ist der!

 

Er streckt die Hand aus und folgsam steht sie von der Parkbank auf und geht mit ihm über den Wiesenweg hin bis zu dem kleinen Wäldchen. Dort zieht sie ihre Hand weg und schmollt:

"Ich mag nicht so weit gehen, mir tun die Füße weh und Schokolade habe ich auch nicht bekommen. Und du hast gesagt, ich bekomme welche mit Pfefferminzgeschmack!"

 

Der Mann blickt sie ein wenig ungeduldig an.

"Und du hast versprochen, dass du mit mir gehst. Ich möchte dir das schöne alte Haus auf der Lichtung zeigen. Du wirst sehen, es wird dir gefallen. Vor dem Haus ist eine schöne Wiese, dort können wir beide uns ins weiche Gras setzen und ausruhen. Dort bekommst du auch deine Schokolade".

 

Aglaia stampft mit dem Fuß auf:

 

"Mag nicht mit!"

 

Wieder streicht die Männerhand zart über ihre Wange.

So, wie ....

Aglaia weiß nicht genau, wie.

Doch, so wie....

Wieder ist es weg.

 

Diese zarte Berührung gefällt ihr. Der Mann streckt die Hand aus, sie nimmt sie und geht weiter mit ihm.

 

Durch das kleine Wäldchen. Die Bäume stehen dicht. Sie fürchtet sich, drückt sich ängstlich an ihn: "Lass mich nicht allein! Nicht hier!"

Dann ist das Wäldchen zu Ende, sie treten auf eine herrlich weiche Wiese. Der Mann hat nicht zuviel versprochen. Im Hintergrund leuchtet ein kleiner Teich und rechts davon steht das Haus.

 

Das Haus!

 

Aglaia steht davor, wie erstarrt. Es ist ein prächtiges Haus, offensichtlich unbewohnt, mit blinden Scheiben, die teils zerbrochen sind, mit abgeblätterter Farbe und schadhaftem Putz.

Im Garten steht ein Schaukelgestell, eine verwachsene Sandkiste. Sie will hinlaufen, will dort spielen, doch nun hält er sie fest. Sie trommelt mit ihren schwachen Armen auf seine Brust, doch er umfasst sie unnachgiebig, beschützend.

 

"Du kannst dort nicht spielen", sagt er. "Sieh hin, das Schaukelgestell ist alt und morsch, die Sandkiste ist verschmutzt. Es ist lange her".

 

Langsam lässt er sie los. Aglaia geht zögernd auf das Haus zu. Hin zu den großen Terrassentüren, die blind sind vor Staub und Schmutz.

Dann bleibt sie stehen und Tränen rinnen über faltige Wangen. Eine sanfte Männerhand fährt darüber, und Aglaia erinnert sich, vielleicht das letzte Mal in ihrem Leben.

 

Hinter dieser Terrassentüre saß immer der Großvater auf seinem alten weinroten Ledersofa. Oft war sie zu ihm gelaufen, er hatte aufgeschlagene Knie verarztet und allerlei kindlichen Kummer getröstet. Er hatte ihr alte Geschichten erzählt und ihre Tränen weggewischt, so wie  dieser Mann mit dem weißen Bart ....

Und plötzlich weiß sie wieder:

 

Ihr Mann!

 

Und sie strahlt ihn an und er versteht, und weiß, dass die Erinnerung ein Stück ihres Lebens lebendig werden ließ, ein kurzes Streiflicht nur, ein Lichtblick an ihrem Geburtstag.

 

 

Die Klagenfurter Schriftstellerin Dagmar Cechak schreibt vorwiegend Kurzprosa, aber auch Lyrik. Frau Cechak las für uns im Dezember des Vorjahres aus ihrem Buch "Wer braucht schon Weihnachten?". Die Lesung war ein wunderschönes Weihnachtsgeschenk für uns alle.

 

Frau Cechak will mit der nachfolgende Kurzgeschichte einen Beitrag zu unseren Aktivitäten in der "Korona-Zeit" beitragen. Wir haben ihre ausdrückliche Erlaubnis die Geschichte an Sie weiterzugeben, wofür wir recht herzlich "Danke" sagen.

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www.validation.or.at/videos